Rosch ha-Schana

Unvermittelt lande ich mitten in jüdischer Tradition. Heute ist ein ausgesprochen kalter, regnerischer und windiger Tag. Ich bin froh wieder zu Hause zu sein. Mit Mütze, Schal und Regenjacke habe ich mir heute Morgen den Weg zur U- Bahn gekämpft. Der Weg zurück wahr ebenso ungemütlich.Wie märchenhaft war dann der Anblick von Kindern und Erwachsenen in frühlingshafter aber doch festlicher Kleidung direkt vor der Tür unseres Hauses. Wenige Meter entfernt findet sich eine der mehr als Hundert Synagogen dieser Stadt. Es ist der Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes, Rosch ha-Schana.

Nichts von diesem Eindruck passt mit meinen nordeuropäischen Traditionen zusammen. Weder die Zeit noch der Ort wollen mir eine Erklärung zu diesem Eindruck vermitteln. Wie fremd und doch Willkommen, fühlt man sich in dieser Situation. Die jungen Mädchen tanzen über die Straße,  werfen Blumen und lachen ohne Pause.

Was oder wer auch immer mich führte auf diesem Weg, die Erkenntnis; Europa hat mit dem Verlust von mehr als 6 Millionen jüdischen Bürgern einen großen Teil seiner Seele verloren, bohrt sich in meinen Geist. Was taten meine Großväter, wieso ließen meine Großmütter gewähren? Auch wenn meine Heimat heute einen Modus gefunden hat und meint sich den Mantel der Geschichte abstreifen zu können, umfasst mich das Gefühl, Schuld, auch kollektive, lässt sich nicht durch Zeit heilen…

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